Was tun, wenn Mädchen und Jungen die Schule verweigern?

Die Leidensgeschichte der Kinder ist dabei oft sehr lang - Das Return-Projekt eine Chance

Es gibt Kinder, die sich den hiesigen Schulsystemen nicht zugehörig fühlen. Irgendwann erhalten sie die offizielle Bestätigung „nicht beschulbar.“ Bis dahin haben sie oft eine jahrelange Leidensgeschichte hinter sich, sind psychologisch auffällig und wissen sich nicht anders zu helfen, als die Schule zu verweigern oder dort anderweitig auffällig zu sein oder sich zurückzuziehen.

Die Einstufung der Nichtbeschulbarkeit, Schulabsentismus genannt, erscheint dabei auf den ersten Blick wie eine Abwertung, doch tatsächlich ist es oft eine „zweite Chance“ für die Mädchen und Jungen. Das Koblenzer Return-Projekt des Internationalen Bundes (IB)Südwest hat sich diesem Schulabsentismus ab der Sekundarstufe I. angenommen.

Das Thema hat besonders in Pandemiezeiten weiter an Fahrt aufgenommen. Deshalb ist es den CDU-Landtagsabgeordneten Jenny Groß, Anette Moesta, Tobias Vogt und Peter Moskopp eine Herzensangelegenheit, mehr über das Return-Projekt in Erfahrung zu bringen. Sie sind als Ausschussmitglieder für den Bereich Familie und Jugend zu Besuch beim IB Südwest in der Rhein-Mosel-Stadt Koblenz.

Der IB ist mit sechs gemeinnützigen Gesellschaften ein bundesweit großer Anbieter für Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit mit etwa 14 000 Mitarbeitern. Die größte Tochtergesellschaft Südwest GmbH ist in den Bundesländern Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland tätig. Seit 1979 bietet der IB Südwest Bildungsangebote in Koblenz an, das Return-Projekt ist eines davon, wie die Regionalleiterin Anja Steuer-Loitsch sagt, die den Politikern kurz die Tätigkeitsfelder vorstellt. Dabei ist ihr sofort die persönliche Bedeutung dieses Lern-Projektes anzumerken. Auch, weil es sie jedes Jahr erneut vor eine finanzielle Herausforderung stellt. Der IB zählt nicht zur Jugendhilfe, wird aber mit seinen Bildungsangeboten als außerschulischer Lernort anerkannt. Die „Seelen“ des Projektes sind Dr. Yvonne Borchert und Michalea Milz, sie arbeiten täglich mit den Kindern, freuen sich über den Zuspruch der Politik, aber mehr noch, wenn es ihnen der Zugang zu den Mädchen und Jungen gelingt. Eine Lernhilfe wie das Return-Projekt gibt es in Rheinland-Pfalz lediglich in Koblenz und in Trier.

In Koblenz wird das Projekt zum großen Teil aus dem kommunalen Haushalt und einem kleineren Teil aus Fördermitteln des Landes Rheinland-Pfalz finanziert. Beide Mittel müssen jährlich neu beantragt werden und machen damit eine längerfristige Planung zunichte. Mit den Schulen und den Jugendhilfe-Einrichtungen stehen die Pädagoginnen in engem Kontakt, um den Kindern, aber auch den Eltern, Hilfe anbieten zu können, wenn Schulverweigerung in welcher Form auch immer zur Wirklichkeit geworden ist. Das Problem zieht sich gleichermaßen durch alle Gesellschaftsschichten, betrifft aber mehr Jungen als Mädchen im Alter zwischen 12 und 18 Jahren. Die Gründe sind vielfältig, Mobbing und häusliche Probleme sind nur zwei davon.

„Waren es bis vor zwei Jahren noch überwiegend Krakeeler, die mit klaren Regeln strukturgebenden Halt fanden, so kommen seit Corona mehr Jugendliche zu uns, die sich in sich zurückgezogen haben,“ erklärt Milz und ihre Kollegin Borchert ergänzt: „Derzeit haben wir es mit einem jungen Menschen zu tun, der auch nach mehreren Wochen bei uns nur wenig mehr als ‚guten Tag“ sagt.“ Es gilt, dem entstandenen Vertrauensverlust, aber auch die Antriebslosigkeit und Resignation zu begegnen und aufzuarbeiten. Eine engmaschige Zusammenarbeit ist dabei unerlässlich: Es wird zusammen gelernt, dabei auch soziale Kontakte wie gemeinsame Essen, gepflegt. „Wir stehen auch schon mal morgens zuhause auf der Matte und fordern von unsern Kindern aufzustehen. Sie schaffen es nicht von alleine. Wir bleiben in der Regel so lange da, bis sie bereit sind, uns in die Maßnahme zu begleiten.“ lächelt Milz zwar, doch sie weiß genau, dass dies ein hartes Stück Arbeit erfordert.

In der Regel sollen die Mädchen und Jungen das Return-Projekt durchschnittlich drei Monate besuchen. Im Idealfall können sie dann in eine Schule, sie wird im Vorfeld sorgfältig abgestimmt, zurückkehren. Besonders stolz sind Borchert und Milz auf einen Jungen, den sie lange betreut haben und inzwischen im dritten Jahr seiner Ausbildung ist. Der Betrieb ist sehr zufrieden mit seinem „Azubi“, er selbst auch. Er hat Freude an dem gefunden, was er tut, ist inzwischen nicht mehr verhaltensauffällig und nach eigenen Angaben glücklich, „dazuzugehören“.

Nach dieser ausführlichen Präsentation und dem Besuch des Lernzimmers waren die Mienen der Politiker von Nachdenklichkeit geprägt. Überzeugt von der Wichtigkeit dieser Form von Lernhilfe machten sie sich Gedanken um eine bessere Planbarkeit, weil, wie es Groß auf den Punkt formulierte: „Solche Projekte sind unerlässlich und müssen nicht nur stetig einen finanziellen Schub erhalten, sondern auch im Land mehr ermöglicht werden.“ Als bildungspolitische Sprecherin der CDU Landtagsfraktion weiß die ehemalige Pädagogin natürlich aus eigener Erfahrung, wie die Kinder leiden, aber auch, wie schwierig aus Sicht der Lehrer der Umgang in einer Regelschule mit ihnen ist. Die CDU Landtagsabgeordneten sagten zu, sich für einen Aufwuchs und vor allem eine Verstetigung der Landesmittel bei den anstehenden Haushaltsberatungen einzusetzen.